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Liebe Silber-Investoren,
es hat ein wenig gedauert, ich hoffe, Sie haben Verständnis. Ich wollte nichts veröffentlichen, bei dem ich unsicher
bin.
Seit dem letzten Jahr werden viele nicht müde, eine Geschichte von einem furchtbaren Schrecken zu berichten: Deflation. In der Geschichte ist dieses Gespenst tatsächlich wie ein apokalyptischer Reiter durch die Länder gezogen. Doch hat das
Gespenst in unserer Welt schon lange viel von seinem Schrecken verloren. Konsumenten rund um den Globus, zumindest soweit TV reicht,
werden schon seit Jahren erfolgreich darauf trainiert, Kaufentscheidungen nicht mehr nur auf der Grundlage eines Preises zu treffen
(was durch die hohe Diversifizierung der Produkte auch kaum möglich ist), sondern auf emotionalen Nutzenversprechen. Konsumenten
sind seit Jahren in wichtigen Teilbereichen der Wirtschaft an ständig fallende Preise gewöhnt und berücksichtigen
dieses kaum noch als grundlegende Entscheidungsvariable. So wird es auch verständlich, warum in den vergangenen Jahrzehnten der
Konsum einen immer größeren Beitrag in den BIPs einnehmen konnte und so wird auch verständlich, warum der Konsum
mittlerweile ausnehmend Rezessions-resistent geworden ist. Das Gespenst erweist uns also die Ehre eines verantwortungsvollen Handelns
und bleibt weg. (Ich bin mir der Pauschalität durchaus bewußt.)
Aus meiner Sicht ist es deswegen falsch, eine angenommene drohende Deflation als Grundlage für explosiv expansive
Geldmengen zu verwenden. Da bin ich der Bundesbank (von mir hat sie eine Gedenkminute bekommen) dankbar, die es ganz unmanipulativ
schon seit langem wagt, das Thema Deflation zu verneinen. In bezug auf Notenbanken sind wir verwöhnt. Und den positiven
Einfluß können wir bei der EZB noch erkennen. Die EZB hat sich in den vergangenen Monaten erfolgreich und zu Recht dem
Druck nicht gebeugt, Instrumente zu ergreifen, die in Europa untauglich sind. Unsere Welt ist so US-zentriert, dass das Wirken der EZB
schwer verstaendlich scheint. Aber, wie die EZB und die Bundesbank zu Recht kommunizieren: Die Geldpolitik ist seit Monaten sehr
expansiv, europäisch, aber expansiv. Und es ist auch anzunehmen, dass es der EZB leichter fällt, die Liquidität wieder
zurückzunehmen. Bis auf die Covered Bonds automatisch. Und bzgl. der Covered Bonds wäre ich als Politiker in Europa aus
realpolitischer Sicht vorsichtiger. Aus meiner Sicht agiert die EZB erheblich virtuoser, sicherlich auch der Grund, warum ich mich in
der Vergangenheit diesbezüglich einmal verschätzt habe.
Das echte Gespenst
Das echte Gespenst klopft statt dessen, unkenntlich gemacht unbeachtet, direkt an die Tür. Hinter der aktuellen Situation, den
Lobeshymnen und Vertrauensbezeugungen, den tausend Zeichen fuer "es wird alles gut", steckt das Supermonster: Jene Euro-, Petro- oder
Sonstwie-Dollar, die sich nicht in den USA befinden. (Bitte entschuldigen Sie die Formulierung "Supermonster".)
Ich wundere mich ständig darüber, dass dieses Problem in der Betrachtung meist außer Acht gelassen wird. Dass
Institutionen wie das US-Finanzministerium oder das FED nicht darüber sprechen, ist hingegen verständlich. Dabei erleben Sie
und ich die Symptome dieses Problemes seit rund drei Monaten. Nicht nur das Fed begibt große Mengen Dollar (völlig
unbeachtet der Art und Weise: Kredite, Swaps, Käufe), sondern auch ihre Gläubiger. Sichtbar und unsichtbar. China hat den
Anfang gemacht und den Bann der Unausweichlichkeit gebrochen. Die anderen folgen. Sei es durch Unternehmensbeteiligungen, durch
Rohstoffkäufe, sei es wie am Beispiel Venzuelas, Ausfuhrbeschränkungen von Edelmetall als weitere alternative Ausstiegsstrategie.
Für die Weltwährung Dollar gelten nicht die gleichen Gesetze wie andere Währungen. Das Geldentwertungspotenzial ist
enorm und immer vorhanden. So abhängig von Vertrauen. Und die Ansprüche der Halter der Dollars so vielfältig wie die
Kulturen, in denen sie leben. Das Vertrauen ist jetzt zerstört, denn wenn Sie kein Amerikaner sind, gibt es keinen Grund mehr
dafür. Das Inflationspotenzial wird jetzt frei. Langsam aber stetig.
Und damit, um das eigentliche Thema abzurunden: Es ist an der Zeit, dem Grizzly ins Auge zu sehen und zu handeln wie ein Tiger. Das
heisst: Lächeln und im Stillen umbauen. Langsam aber stetig. Und sollten Sie vielleicht mit einem Notenbanker befreundet sein,
bitten Sie ihn doch in Zukunft, unser Geld nicht mehr gegen Dollar zu tauschen.
Hoffnungsschimmer:
Es gibt auch Hoffnungsschimmer (und damit meine ich nicht die hoffnungsvoll aufblitzenden Zeichen einer realwirtschaftlich
verlangsamten Kontraktion, diese zweite Dimension der aktuellen Weltwirtschaftskrise folgt zugleich auch erheblich ihren eigenen
Gesetzen):
- Chinas Goldkäufe, sehr disziplinierend gegenüber den anderen Notenbanken und Staaten. Denn das Zeichen ist eindeutig: Hier
ist der Hammer,
- Vermehrte Forderungen US-amerikanischer Politiker nach der Wiedereinführung einer Edelmetall-gedeckten Währung in den USA
und
- die kritische Auseinandersetzung mit dem FED. Und aus meiner Sicht, das musste auch in erst lernen, ist das berechtigt und
notwendig. Es wird keine positiven Resultate bringen, wenn neben Stephen Friedman auch Ben Bernanke abgeschossen wird. Das FED - und
deswegen schreibe ich nicht "die Fed" - scheint eine Notenbank. Und jeder Vergleich mit der EZB oder unserer Bundesbank verbietet
sich aus meiner Sicht.
Mit besten Grüßen Hansgeorg Schuster
P.S.: Gewöhnen Sie sich an die Preise. Ich habe mit einigen Händlern gesprochen, die genausoviel für neue Ware bezahlen wie Sie. Oder besser, gewöhnen Sie sich nicht an die Preise. ;-) Anmerkungen & Kommentare an: redaktion@silber-investor.de |